E> Perspektive: Gewalt in der Welt🌍

Hoi

Mein Magen dreht sich. Seit Wochen entscheide ich mich immer wieder, trotzdem hinzuschauen. Warum, erkläre ich am Ende des Textes.


Die vergangenen Wochen* verdeutlichen auf grauenvolle Weise, wie wichtig es ist, die Frage zu stellen, wie ein derartiges Ausmass an Gewalt in der Welt m√∂glich ist und vor allem dar√ľber nachzudenken, wo der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden k√∂nnte.


Etwas vorweg: Leute fragen uns manchmal, wie sie unser Projekt unterst√ľtzen k√∂nnen. Diese Frage ist wohltuend, denn, auch wenn es unangenehm ist, es zuzugeben, wir br√§uchten eingentlich mehr Unterst√ľtzung, als wir im Moment erhalten. Hier drei M√∂glichkeiten:

  1. Einmalige Spenden (twinte hier direkt)
  2. Werde hier unser F√∂rdermitglied
  3. Komm mit deinen Liebsten zum Zoom-E>inf√ľhrungsabend am 11.1.24 mit Noah Sch√∂ppl
    1. Wenn du unsere Kurse bereits kennst, unterst√ľtzt es uns sehr, wenn du ein, zwei Leute an den E>inf√ľhrungsabend einl√§dst.

Noch was, ich (Lara M√ľller) wurde von Simon Jacoby, Chefredaktor von Ts√ľri, in einem Podcast zum Nahostkonflikt interviewt. Ein anderer Blickwinkel, als die Frage der Gewalt, die ich in diesem Newsletter vertiefe: Ts√ľri.ch Podcast – Wie k√∂nnen wir √ľber den Nahostkonflikt reden, ohne dass unsere Beziehungen darunter leiden.

Nun zum Thema dieses Newsletters:

Ich sp√ľre ein gewaltiges Nicht-Wissen dar√ľber, wie ich etwas zum Ende der Gewalt beitragen kann, insbesondere √ľber das Medium eines Newsletters. Ich schreibe trotzdem, weil ich in meinem gesch√ľtzten Alltag die Augen vor dem Leid in der Welt nicht verschliessen will. Ich will meine Stimme erheben.

Ich sp√ľre ein gewaltiges Nicht-Wissen dar√ľber, wie ich etwas zum Ende der Gewalt beitragen kann, insbesondere √ľber das Medium eines Newsletters. Ich schreibe trotzdem, weil ich in meinem gesch√ľtzten Alltag die Augen vor dem Leid in der Welt nicht verschliessen will. Ich will meine Stimme erheben.

Ich schreibe aus der privilegierten Position heraus, in der Schweiz zu leben, weiss zu sein und aus einer s√§kular-christlichen Familie zu stammen. Ich bin weder Nahostexpertin noch Kriegsforscherin. Ich setze mich hauptberuflich mit dem Thema Konflikt und Konfliktl√∂sung auseinander.

Die vergangenen Wochen* verdeutlichen auf grauenvolle Weise, wie wichtig es ist, die Frage zu stellen, wie ein derartiges Ausmass an Gewalt in der Welt m√∂glich ist und vor allem dar√ľber nachzudenken, wo der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden k√∂nnte. Darum habe ich mich entschieden, die nun folgende Analyse zum Thema Konflikteskalation und Gewalt zu ver√∂ffentlichen.

W√§hrend des Schreibens halte ich alle Menschen im Herzen, die get√∂tet wurden. Alle Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Alle Kinder, die keine Eltern mehr haben. Alle, die nicht wissen, ob sie ihre Liebsten je wieder in die Arme schliessen werden. Alle, die (re)traumatisiert wurden. Alle, die es noch werden. Alle, weltweit, auch die, die wenig oder keine mediale Aufmerksamkeit erhalten f√ľr die Gewalt, die sie erleben. Mein Herz ist mit euch. In tiefster W√ľrdigung eures √úberlebens und eures Todes.

Diese Analyse ist komplement√§r und nicht als Ersatz f√ľr humanit√§re Hilfe und politische Handlungen gegen Gewalt gedacht. Es ist wichtig, dass wir uns kollektiv mit direkten Aktionen f√ľr den Schutz aller Opfer einsetzen. Es ist ebenso wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, wie Gewalt entsteht und wie sie verhindert werden k√∂nnte. Am Ende der Analyse benenne ich Handlungen, die wir aktuell unternehmen k√∂nnen, um zur Linderung der Gewalt beizutragen.

Ich verstehe diesen Text als einen Anfang und bestimmt nicht als die letzte Wahrheit. Keine Analyse ist je abgeschlossen. Lasst mich wissen, was ich streichen, umschreiben oder zus√§tzlich anf√ľgen kann.

*Dazu möchte ich anmerken, dass Gewalt weder im Nahen Osten noch weltweit etwas Neues ist und ich diese Frage deswegen, seit ich mich erinnern kann, in meinem Herzen trage.


Diese Analyse ist komplement√§r und nicht als Ersatz f√ľr humanit√§re Hilfe und politische Handlungen gegen Gewalt gedacht. Es ist wichtig, dass wir uns kollektiv mit direkten Aktionen f√ľr den Schutz aller Opfer einsetzen.


Ich beginne mit einem Pl√§doyer f√ľr die Rehabilitierung des schlechten Rufs von Konflikt.


Warum wir √ľberleben: menschliche Bed√ľrfnisse

Ich hole etwas aus, aber ich verspreche euch, es wird Sinn ergeben, warum ich mit Biologie beginne.

Biologisch betrachtet ist der Mensch ein Organismus. Das bedeutet, dass unser K√∂rper st√§ndig ausser Balance ger√§t und wieder in Balance gebracht werden muss, um zu √ľberleben. Wir haben folglich k√∂rperliche Bed√ľrfnisse, die wir regulieren. Oft geschieht dies durch die Aufnahme von Teilen der Aussenwelt und ‚Äď eben so wichtig ‚Äď durch die Ausscheidung dessen, was f√ľr uns giftig ist: einatmen und ausatmen, trinken und urinieren, etc. Ohne diesen sog. hom√∂ostatischen Balanceakt w√§ren wir nicht lebensf√§hig.  

Neben den k√∂rperlichen Bed√ľrfnissen haben wir zudem psychische Bed√ľrfnisse. Wir werden krank, erleben Traumatisierung und im Extremfall sterben wir, wenn unsere psychischen Bed√ľrfnisse unerf√ľllt sind, selbst wenn alle k√∂rperlichen Bed√ľrfnisse gestillt werden. Beispiele f√ľr psychische Bed√ľrfnisse sind Liebe, Selbstbestimmung, Sicherheit und Zugeh√∂rigkeit.

Marshall Rosenberg, der Begr√ľnder des Ansatzes, nach dem wir in der Empathie Stadt arbeiten, macht eine klare Unterscheidung zwischen Bed√ľrfnissen auf der einen Seite und den Strategien, die wir w√§hlen, um unsere Bed√ľrfnisse zu erf√ľllen auf der anderen Seite. Ein klassisches Beispiel ist, dass der Pizzeria-Besuch mit der Familie kein Bed√ľrfnis ist, sondern eine Strategie, unser Bed√ľrfnis nach Nahrung und Zugeh√∂rigkeit zu erf√ľllen. Wir k√∂nnten aber genauso gut Reis und Gem√ľse in unserer WG essen und damit dieselben Bed√ľrfnisse stillen. Bed√ľrfnisse sind also abstrakt (Nahrung, Zugeh√∂rigkeit), w√§hrend die Strategien konkret und machbar sind (Familien-Pizza-Besuch / Reis und Gem√ľse in der WG).

Ich schreibe nun dar√ľber, welche zentrale Rolle unsere Bed√ľrfnisse und Strategien im Kreislauf der Gewalt spielen und warum Konflikte nicht mit Gewalt gleichzusetzen sind. Ich beginne mit einem Pl√§doyer f√ľr die Rehabilitierung des schlechten Rufs von Konflikt.

Warum wir Konflikt brauchen

Ich definiere Konflikt als kreativen Prozess, in dem zwei oder mehr Menschen Strategien neu verhandeln, mit denen sie ihre Bed√ľrfnisse erf√ľllen wollen. Konflikt tritt also dann auf, wenn die vorhandenen Strategien aktuelle Bed√ľrfnisse nicht (mehr) erf√ľllen und es an der Zeit ist, neue Strategien zu erproben. Ein Konflikt ist ein Moment des Nicht-Wissens. Es ist noch unklar, welche Strategie zur L√∂sung beitr√§gt. Anstatt dieses Nicht-Wissen zur Katastrophe zu machen, k√∂nnen wir den Konflikt als Informationsquelle nutzen, um gemeinsam neue Wege zu erproben, wie Bed√ľrfnisse erf√ľllt werden k√∂nnten. So entwickeln wir uns weiter.

Um Missverst√§ndnissen vorzubeugen, m√∂chte ich festhalten, dass es nie um vollumf√§ngliche Bed√ľrfniserf√ľllung geht. Dies ist nur selten m√∂glich. Es geht darum, dass Menschen in Gruppen, Gemeinschaften und Staaten darauf vertrauen k√∂nnen, dass unter dem Strich f√ľr ihre Bed√ľrfnisse gesorgt wird. Menschen haben jeden Tag erf√ľllte und unerf√ľllte Bed√ľrfnisse. Vor√ľbergehend ausser Balance zu fallen, entspricht ganz dem Prinzip der Hom√∂ostase. Die konstante Angst hingegen, dass die eigenen Bed√ľrfnisse nie sicher sind, ist traumatisierend. Wenn wir lebensbejahend zusammenleben wollen, ist es wichtig, dass die gew√§hlten Strategien genug Bed√ľrfnisse genug oft erf√ľllen.

Im √ľbern√§chsten Abschnitt schreibe ich dar√ľber, wie Konflikt in physische Gewalt eskalieren kann und warum Bed√ľrfnisse dabei eine Rolle spielen. Zuerst m√∂chte ich einen weiteren Punkt betonen, der f√ľr die Gewalt in der Welt relevant ist: Manipulation zur Pseudo-Bed√ľrfniserf√ľllung.


Ich definiere Konflikt als kreativen Prozess, in dem zwei oder mehr Menschen Strategien neu verhandeln, mit denen sie ihre Bed√ľrfnisse erf√ľllen wollen.


Ein Konflikt ist ein Moment des Nicht-Wissens. Es ist noch unklar, welche Strategie zur Lösung beiträgt. Anstatt dieses Nicht-Wissen zur Katastrophe zu machen, können wir den Konflikt nutzen um uns zu entwickeln.


Um tragf√§hige L√∂sungen zu finden, braucht es einen Dialog, in dem die Bed√ľrfnisse aller Beteiligten angeh√∂rt und ernst genommen werden. Ein solcher Dialog auf Augenh√∂he ist unter den aktuellen Machtverh√§ltnissen auf der Welt kaum vorstellbar.


Die Werbung verspricht, das Bed√ľrfnis nach Zugeh√∂rigkeit mit dem Konsum von S√ľssgetr√§nk X zu stillen.
Bed√ľrfnisse nach Abenteuer und Naturverbundenheit werden mit dem Kauf eines Motorrads der Marke Y verbunden.

Sprache und Gewalt: Manipulation zur Pseudo-Bed√ľrfniserf√ľllung

Die Werbeindustrie lebt davon, Bed√ľrfnisse und Strategien manipulativ zu vermengen. Diese T√§uschung generiert den √úberflusskonsum, der f√ľr den Reichtum und die Machtkonzentration der globalen Grosskonzerne n√∂tig ist. Werbekampagnen basieren darauf, Bed√ľrfnisse in uns wach zu rufen und diese dann gezielt mit Strategien zu koppeln, die zum Konsum verleiten. Oben abgebildet sind zwei Beispiele: Das Versprechen, das abgebildete Bed√ľrfnis nach Zugeh√∂rigkeit zu stillen, indem das S√ľssgetr√§nk X eines Grosskonzerns konsumiert wird oder die Bed√ľrfnisse nach Abenteuer und Naturverbundenheit  durch den Kauf eines Motorrads der Marke Y zu erf√ľllen (was besonders absurd erscheint, wenn wir uns das Ausmass der Umweltsch√§digung vor Augen halten, die durch die Verwendung fossiler Brennstoffe verursacht wird).

Bemerkenswert ist auch, dass im Wirtschaftsjargon der Ausdruck «Bed√ľrfnisse kreieren» existiert, was sich unmissverst√§ndlich nicht auf Bed√ľrfnisse im Rosenbergschen Sinn bezieht, sondern auf Strategien. So wird die Konsumgesellschaft dazu verleitet, lebensentfremdete Strategien zu w√§hlen, die Bed√ľrfnisse oft nur bet√§uben, sie aber nicht wirklich befriedigen. Hier kannst du mehr von uns zum Thema Pseudo-Bed√ľrfniserf√ľllung nachlesen. Selbst wenn bestimmte Konsumg√ľter tats√§chlich individuelle Bed√ľrfnisse erf√ľllen, so geschieht es auf Kosten der Vernachl√§ssigung von Bed√ľrfnissen unz√§hliger Menschen, die diese Waren unter prek√§ren Arbeitsbedingungen produzieren, w√§hrend dieselben nicht vom Ertrag der globalen Konsum-Maschinerie profitieren, ganz zu schweigen von der Zerst√∂rung der Erde .*

Das Beispiel der manipulativen Vermischung von Bed√ľrfnissen und Strategien zeigt, dass Machtverh√§ltnisse und unsere Sprache ‚Äď damit meine ich nicht nur Worte, sondern auch Bilder, mit denen kommuniziert wird ‚Äď untrennbar miteinander verbunden sind. Um tragf√§hige L√∂sungen f√ľr die Gewalt in der Welt zu finden, braucht es einen Dialog, in dem die Bed√ľrfnisse aller Beteiligten angeh√∂rt und ernst genommen werden. Ein solcher Dialog auf Augenh√∂he ist unter den aktuellen Machtverh√§ltnissen auf der Welt kaum vorstellbar. Darum m√ľssen sich f√ľr effektive Friedensarbeit sowohl die Machtverh√§ltnisse als auch der Sprachgebrauch, der diese Machrverh√§ltnisse erm√∂glicht, √§ndern.

Wie ungeh√∂rte Bed√ľrfnisse im Konflikt in physische Gewalt eskalieren

Die folgende Erkl√§rung zur Entstehung physischer Gewalt**, kenne ich von Dominic Barter. Er revolutioniert mit der Praxis des empathischen Zuh√∂rens das brasilianische Justizsystem. Hier ist ein aktueller Podcast, in dem Dominic Barter seine Arbeit beschreibt.(Er war k√ľrzlich bei uns zu Besuch. Wir haben erste Schritte einer Zusammenarbeit besprochen. Wenn es konkreter wird, erz√§hlen wir euch mehr dar√ľber.)

Wenn eine Person im Konflikt ein Bed√ľrfnis mitteilt und das Gegen√ľber nicht zuh√∂rt, dann sagt die Person die gleiche Botschaft beim zweiten Mal mit mehr Nachdruck und beim dritten Mal wahrscheinlich mit erh√∂hter Lautst√§rke. Wenn dies nicht dazu f√ľhrt, dass ein konstruktives Konfliktgespr√§ch stattfindet, in dem Bed√ľrfnisse anerkannt und gemeinsam neue Strategien verhandelt werden, kann es vorkommen, dass die Person zu schreien beginnt, um sich endlich Geh√∂r zu verschaffen.*** Der Schritt, zuzuschlagen oder zu Waffen zu greifen, kann in diesem Eskalationsschema als die h√∂chste Stufe der Lautst√§rke verstanden werden, von der ein Mensch, eine Gruppe oder eine Regierung Gebrauch macht, um f√ľr ungeh√∂rte Bed√ľrfnisse einzustehen.

Ich m√∂chte betonen, dass es in dieser Analyse nicht um die Frage der Rechtfertigung physischer Gewalt geht. Ich trauere zutiefst mit jedem Opfer von Gewalt. Worum es geht, ist sichtbar zu machen, wo wir ansetzen k√∂nnen, um physische Gewalt zu verhindern. Empathisches Einf√ľhlen und das Eingehen auf Bed√ľrfnisse, die kommuniziert werden, ist eine kraftvolle Gewaltpr√§vention und hat Deeskalationspotenzial.

Ich l√∂se tagt√§glich Konflikte und ich empfehle definitiv nicht, zu warten, bis Personen schreien oder gar physische Gewalt anwenden und dann mit dem Anh√∂ren der Bed√ľrfnisse und dem Erproben neuer Strategien zu beginnen. Wenn bereits zu viel Verletzung geschehen ist, gilt es einzig, Grenzen zu setzen und Menschen so schnell wie m√∂glich in Sicherheit zu bringen.

Aus diesem Grund schreibe ich im n√§chsten Abschnitt dar√ľber, warum ich daf√ľr einstehe, dass wir als Gesellschaft lernen, schon fr√ľhzeitig mit dem Zuh√∂ren zu beginnen und uns ‚Äď entgegen der Geschwindigkeit der Leistungsgesellschaft ‚Äď daf√ľr ausgiebig Zeit zu nehmen.

* Wenn ich √ľber die Konsumgesellschaft schreibe, kann ich es nicht unterlassen, die Frage aufzuwerfen, wie direkt unser Raubbau an der Erde mit internationaler Gewalt verwoben ist. Petro-Agression, eine Form des sog. Ressourcenfluchs, ist hierzu das meist untersuchte Beispiel. Petro-Aggression ist eine Bezeichnung daf√ľr, dass Staaten, deren BIP zu 10 % oder mehr aus fossilen Brennstoffen erwirtschaftet wird, mit 250 % h√∂herer Wahrscheinlichkeit in internationale Konflikte verwickelt oder Ziel von Konflikten werden, als Staaten, deren BIP weniger oder nicht von fossilen Brennstoffen abh√§ngt. Ein anderes verheerendes Beispiel des Ressourcenfluchs findet aktuell in der Demokratischen Republik Kongo statt. Hier sind Kobalt und Kupfer die Unheilbringer. Metalle, die wir tagt√§glich in unseren Computern und Handys mit uns tragen.

** Psychische Gewalt kann genauso verheerend sein wie physische Gewalt. Um den Rahmen der Analyse nicht zu sprengen, fokussiere ich heute auf physische Gewalt.

*** Andere Menschen werden nicht laut, sondern verinnerlichen die Verletzung ihrer Bed√ľrfnisse beispielsweise in Form von Depression oder Selbstverletzung. Hier kannst du mehr von uns zum Thema psychisches Leid lesen. Heute scheibe ich lediglich √ľber den √§usseren Ausdruck der Gewalt.


Ich empfehle definitiv nicht, zu warten, bis Personen schreien oder gar physische Gewalt anwenden und dann mit dem Anh√∂ren der Bed√ľrfnisse zu beginnen. Wenn bereits zu viel Verletzung geschehen ist, gilt es einzig, Grenzen zu setzen und Menschen so schnell wie m√∂glich in Sicherheit zu bringen.


Ich stehe daf√ľr ein, dass wir als Gesellschaft lernen, schon fr√ľhzeitig mit dem Zuh√∂ren zu beginnen und uns ‚Äď entgegen der Geschwindigkeit der Leistungsgesellschaft ‚Äď daf√ľr ausgiebig Zeit zu nehmen.


Praktische L√∂sungen und Systeme, egal wie ausgekl√ľgelt sie sind, ohne eine Kultur des Zusammenhalts, in dem die Menschen wissen, dass ihre Bed√ľrfnisse angeh√∂rt und von der Gruppe als sch√ľtzenswert erachtet werden, zerfallen in lebensfremde Systeme.


Warum es sich lohnt, sich Zeit f√ľrs Zuh√∂ren zu nehmen

Wenn ich in anderen Kontexten ‚Äď nicht im Kontext von Krieg ‚Äď dazu anhalte, sich Zeit zu nehmen, alle Bed√ľrfnisse anzuh√∂ren und gemeinsam Strategien zu erproben, wie diese Bed√ľrfnisse einfallsreich erf√ľllt werden k√∂nnten, bekomme ich oft den Einwand zu h√∂ren, dass dieses Zuh√∂ren zu lange dauert. Es stimmt, den Dialog so zu f√ľhren dauert eine Weile. Machtaus√ľbung ist schneller.

Sich diese Zeit zu nehmen. ist jedoch √§usserst lohnenswert. Nehmen wir uns Zeit, alle Stimmen anzuh√∂ren, so k√∂nnen Entscheide getroffen werden, die l√§nger hinhalten, weil sie von einer Kultur des empathischen Zusammenhalts getragen werden. Praktische L√∂sungen und Systeme, egal wie ausgekl√ľgelt sie sind, ohne eine Kultur des Zusammenhalts, in dem die Menschen wissen, dass ihre Bed√ľrfnisse von der Gruppe als sch√ľtzenswert erachtet werden, zerfallen in lebensfremde Systeme.

Wenn Gruppenmitglieder nicht darauf vertrauen k√∂nnen, dass ihre Bed√ľrfnisse von der Gruppe gesch√ľtzt werden, dann ist es nur rational, strategische Systeme zu etablieren, die auf dem Prinzip der Machtaus√ľbung und der Gewalt basieren. Wenn ich nicht darauf vertrauen kann, dass dir meine Bed√ľrfnisse wichtig sind, dann werde ich dazu verleitet, Macht oder im schlimmsten Fall Gewalt anzuwenden, um dich zu kontrollieren, damit meine Bed√ľrfnisse nicht zu kurz kommen. Was geschieht, wenn Nationen diese Dynamik miteinander praktizieren, sehen wir schmerzhaft an vielen Stellen der Welt. Es zerreisst mir das Herz.

Wie wir jetzt handeln können

Was wir jetzt tun k√∂nnen, ist lauthals f√ľr das sofortige und anhaltende Ende der Gewalt einstehen. Alle Ressourcen m√ľssen dahin gehen, dass Dialoge f√ľr gerechte und umsetzbare L√∂sungen stattfinden k√∂nnen. Daf√ľr k√∂nnen wir kollektiv unsere Stimmen erheben.*

Neben dem Erheben unserer Stimme k√∂nnen wir bezeugen ‚Äď uns nicht bet√§uben, sondern empathisch pr√§sent sein und sp√ľren, dass das Schlimmste passiert, was auf Erden geschehen kann. Es wird die Verstorbenen nicht wieder lebendig machen und die Geiseln nicht zur√ľckbringen, aber es unterst√ľtzt die √úberlebenden und Zur√ľckgebliebenen. Ein Trauma wird um ein Vielfaches verst√§rkt, wenn die Betroffenen in ihrem Schmerz nicht wahrgenommen oder gar hinterfragt werden.** Adrienne Maree Brown und Hala Alyan sprechen in diesem Podcast ausf√ľhrlich √ľber das Bezeugen der Gewalt sowie die Ausdauer, das Ende der Welt zu √ľberleben.

Wir k√∂nnen Trauerarbeit leisten. Um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, m√ľssen wir als Menschheit unsere intergenerationellen Wunden heilen. Wir brauchen kollektive Trauerarbeit und nicht nur individuelle Trauma-Therapie. Wir tragen als Menschheit die Verantwortung und die Weisheit, uns dem Leid in der Welt zu widmen, Betroffenen zuzuh√∂ren und die kolossalen Gr√§ueltaten der Vergangenheit und der Gegenwart anzuerkennen und zu betrauern. Trauerarbeit ist ein notwendiger Bestandteil effektiver Friedensarbeit. Daf√ľr brauchen wir einander.

Schliesslich bedeutet die Auseinandersetzung mit Gewalt immer auch, in uns hinein zu schauen und anzuerkennen, dass das gewaltvolle System leider nicht nur «da draussen» ist, sondern dass es sich auch «in uns drin» in unseren Internalisierungen des Systems widerspiegelt. Dies anzuerkennen und schrittweise zu transformieren, ist ebenso wichtig, wie direkte politische Arbeit. Beides befruchtet einander. Beides funktioniert nicht ohne das andere. Hier kannst du mehr von uns zum Thema systemische Internalisierung und Kommunikation lesen.Hier ist eine sE>ndung zu diesem Thema mit Tanja Walliser auf englisch.

Dies ist weder eine abschliessende Liste m√∂glicher Handlungen noch entspricht die Reihenfolge einer Rangordnung der Wichtigkeit. Es gibt unz√§hlige Beitr√§ge zur Beendigung der Gewalt und zur Regeneration der Erde. Hier kannst du mehr von uns zur Rolle der Menschen in der Regeneration der Erde lesen. Zusammengefasst steht da, dass wir als Menschheit ein regeneratives Potenzial besitzen. Wir tragen in uns die Kraft, Geschehnisse zu heilen und Zerst√∂rung wieder aufzubauen. Dieses Potenzial k√∂nnen wir anzapfen f√ľr den Wiederaufbau unserer Welt.

Ich schliesse diese Analyse mit einem Gedicht der polnischen Dichterin WisŇāawa Szymborska, das am 20. Oktober 2023 in diesem Gespr√§ch von Combatants for Peace, einer Bi-Nationalen Friedensorganisation aus Israel-Pal√§stina, vorgetragen wurde. 

Schaut zueinander
E> Lara

* Mit «uns» meine ich nur Leute, die dazu im Stande sind. Es gibt diverse Gr√ľnde, warum Menschen ihre Stimme nicht erheben k√∂nnen.

** Selbstverständlich gilt auch hier, auf die eigenen Grenzen zu achten. Ausserdem ist es nicht die Aufgabe hoch traumatisierter Menschen, die Gewalt in der Welt zu bezeugen.


Was wir jetzt tun k√∂nnen, ist lauthals f√ľr das sofortige und anhaltende Ende der Gewalt einstehen. Alle Ressourcen m√ľssen dahin gehen, dass Dialoge f√ľr gerechte und umsetzbare L√∂sungen stattfinden k√∂nnen.


Das gewaltvolle System widerspiegelt sich auch «in uns drin». Unsere Internalisierungen des Systems schrittweise zu transformieren, ist ebenso wichtig, wie direkte politische Arbeit. Beides funktioniert nicht ohne das andere.


Wir tragen als Menschheit die Verantwortung und die Weisheit, uns dem Leid in der Welt zu widmen und die kolossalen Gräueltaten der Vergangenheit und der Gegenwart anzuerkennen und zu betrauern. Trauerarbeit ist ein notwendiger Bestandteil effektiver Friedensarbeit.


Wir tragen in uns die Kraft, Geschehnisse zu heilen und Zerst√∂rung wieder aufzubauen. Dieses Potenzial k√∂nnen wir anzapfen f√ľr den Wiederaufbau unserer Welt.


Ende und Anfang

Nach jedem Krieg
muß jemand aufräumen.
Leidliche Ordnung
kommt nicht von allein.

Jemand mu√ü die Tr√ľmmer
an den Straßenrand kehren,
damit die Leichenkarren
sie passieren können.

Jemand muß versinken
in Asche und Schlamm,
Sofafedern,
Glassplittern,
in blutigen Lumpen. 

Jemand mu√ü, 
um die Wand zu st√ľtzen,
den Balken herbeischleppen,
jemand das Fenster verglasen 
und die T√ľr wieder einh√§ngen. 

Fotogen ist das nicht,
und es kostet Jahre.
Längst zogen die Kameras
in den nächsten Krieg.

Wir brauchen Br√ľcken zur√ľck 
und neue Bahnhöfe.
Die √Ąrmel vom Hochkrempeln
h√§ngen in Fetzen. 

Jemand, mit dem Besen in der Hand, 
erinnert sich noch, wie es war. 
Jemand h√∂rt zu und nickt 
mit dem ungeköpften Kopf.
Aber ganz in der Nähe schon
treiben sich welche herum,
die das langweilig finden. 

Manchmal buddelt einer unterm Strauch
durchgerostete Argumente aus 
und wirft sie auf den M√ľll. 

Diejenigen, die wußten,
worum es hier ging,
machen denen Platz,
die wenig wissen.
Weniger noch als wenig.
Und schließlich so gut wie nichts.

Im Gras, das √ľber Ursachen und Folgen w√§chst,
muß jemand ausgestreckt liegen,
einen Halm zwischen den Zähnen,
in die Wolken blickend.

PS: (Noch mal, falls du es oben nicht gesehen hast) Leute fragen uns manchmal, wie sie unser Projekt unterst√ľtzen k√∂nnen. Diese Frage ist wohltuend, denn, auch wenn es etwas unangenehm ist, es zuzugeben, wir br√§uchten eingentlich mehr Unterst√ľtzung, als wir im Moment erhalten.

Was uns besonders unterst√ľtzt sind zwei Dinge

  1. Finanzielle Unterst√ľtzung: einmalige Spenden (twinte hier direkt), werde hier unser F√∂rdermitglied
  2. Bringt eure Liebsten an unsere Einf√ľhrungsabende

PPS: Magst du ein, zwei Leute an den Zoom-E>inf√ľhrungsabend am 11.1.24 einladen?

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